Spaziergang durchs Gedankenlabyrinth I

„Herzenswünsche… was genau wünscht du dir denn? Wenn es keine Begrenzungen, keine Hindernisse gäbe, kein Limit beim Geld… Was würde dich wahrhaft glücklich machen?“

„Hmm, du weißt doch, seit ich 14 Jahre alt bin, habe ich Multiple Sklerose…“

„Die alte Leier wieder… Wo kann man hier vorspulen?“

„Die Diagnose hat mich damals kaum interessiert. Ehrlich gesagt, wusste ich auch gar nicht, was das sein soll. Die erschrockenen Gesichter, wenn ich es mal gesagt habe, haben mich schnell zum Verstummen gebracht. War ja auch kein großes Ding. Kurzer Aufenthalt im Krankenhaus, danach war fast alles wie vorher. Und ich – bin erstmal Fußball spielen gegangen im Verein, so richtig aktiv, mit Abseits, mit Ligen, mit Spielbetrieb…
Jetzt kann ich kein Fußball mehr spielen. Die Wegstrecke wird immer kürzer. Die Koordination lässt nach. Das Gleichgewicht? Mies.
Mein Herzenswunsch – Vielleicht wieder Fußball spielen zu können!?“

„Tzzz… Das ist ja wohl die Sofort-Gedanken-Notlösung. Deine ‚Fußball-Karriere‘ wäre mit 35 jetzt eh langsam vorbei… Zumindest als Aktive.“

„Du hast Recht… Ich bleibe lieber fachsimpelnd auf dem Sofa sitzen und tue so, als hätte ich die Fußballweisheit mit dem goldenen Schuhlöffel gefressen. Fußball-Fachsimpeln – eine Sportart für sich.“

„Zurück zum Thema…“

„Ich bin oft genervt davon, so tun zu müssen, als wäre alles tutti… Also müssen tue ich gar nichts, schon klar, aber es werden eben bestimmte Dinge erwartet von einer Frau in meinem Alter.“

„Man sieht deine Einschränkungen halt nicht sofort…“

„Ich kann ja aber auch nicht die ganze Zeit mit einem Schild rumlaufen, auf dem in Leuchtschrift steht ‚Achtung, innere Baustelle‘. Vielleicht ist Aufklärung ein möglicher Weg…?!

Ich wünsche mir – mehr Wissen über die Krankheit MS, mehr Verständnis in der Öffentlichkeit und vor allem ein offener Umgang damit…“

„Nicht schlecht. Das könnte ein realistischer Herzenswunsch sein. Aber geht’s vielleicht noch etwas größer, allgemeiner, etwas, dass die Grenzen von MS überschreitet – jetzt hab ich’s: inklusiver?“

„Okee, warte…

Ich wünsche mir, dass die Berührungsängste zwischen den Schwerstmehrfachnormalen und den Menschen mit Behinderung abgebaut werden.“

„Hmmm und ich wünsche mir Weltfrieden. Sorry, aber das finde ich nun ein bisschen zu allgemein…“


Fortsetzung folgt …